"Geschichte, die uns bewegt“:
         Neue Vortragsreihe am Historischen Seminar der TU Braunschweig

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on Folko Damm

              erschienen in: BUZe – Braunschweiger Uni-Zeitung 01/06, S. 12f, Braunschweig im April 2006
   

Dass ein Geschichtsstudium mehr als nur eine fachwissenschaftliche Ausbildung mit abschließendem akademischen Grad sein kann, beweist derzeit die Vortragsreihe ,Geschichte, die uns bewegt’ des Historischen Seminars der Technischen Universität Braunschweig. Die Konzeption dahinter ist das eigentlich Besondere: Studierende mit Auslandserfahrung referieren über spezifische historische Ereignisse, zu denen sie aufgrund ihrer Lebenssituationen naturgemäß eine engere Beziehung haben als der im allgemeinen neutrale, nüchtern und sachlich analysierende Fachwissenschaftler. Hierin liegen zugleich der Reiz der Veranstaltungen und die Herausforderung für die Referenten. „Die Zeitzeugen müssen das Erlebte in einen Kontext einordnen und ihre eigene Wahrnehmung reflektieren. Diese Kombination aus Zeitzeugenschaft und Historisierung ist äußerst reizvoll“, erläutert Initiatorin Dr. Heike Mätzing von der Abteilung Geschichte und Geschichtsdidaktik den nicht eben geringen Anspruch an die Vortragenden. Die Dozentin betont aber auch die zweite, nicht minder wichtige Komponente: „Das Emotionale dabei ist wichtig, der Mensch, der hinter der Geschichte steht. Der menschliche Aspekt soll die Brücke zum Verstehen sein.“ Vor diesem Hintergrund scheint auch der Titel der Vortragsreihe ,Geschichte, die uns bewegt’ plausibel. „Es ist doch großartig, wenn das Publikum Anteil nimmt und wenn es dem Referenten gelingt, dass die Hörer sein Thema zu ihrem eigenen machen“, findet Mätzing, und Mit-Initiator Damir Hajric fügt hinzu: „Die Identifikation mit dem Thema ist wichtig, deshalb ,Geschichte, die uns bewegt’. Es muss etwas in einem passieren.“ Bereits im Oktober 2005 war der Dozentin die Idee gekommen, Studierenden die Möglichkeit zu bieten, über ihre durch Seminarpläne vorgegebenen Referate hinaus Vorträge zu halten. Im Gespräch mit Geschichtsdidaktik-Hiwi Damir Hajric über dessen bosnische Heimat nahm das Vorhaben schließlich Formen an. „Man kommt aus dem Uni-Alltag heraus. Das muss man auch, um Studierende zusammenzuführen und dabei trotzdem in die Tiefe gehen zu können“, betrachtet Hajric dieses Forum als gute Möglichkeit für Begegnungen auf fachlicher und menschlicher Ebene. Darum geht es auch Mätzing: „In unserer Abteilung fehlt ein wenig das studentische Leben. Ich habe mir gewünscht, dass etwas von Kommilitonen für Kommilitonen entsteht. Es sollte aber nicht nur fachbezogen, sondern ganzheitlich sein, nicht nur kognitiv, sondern auch sinnlich ansprechen.“ Dies wurde bei den beiden bisher einzigen Vorträgen über Bosnien und Spanien nicht zuletzt auch durch musikalische Untermalung und anschließende Verköstigung erreicht. Da das Zwischenmenschliche Teil des ganzheitlichen Ansatzes ist, spielt die Form des Vortrages ebenfalls eine große Rolle. „Man teilt sich in einer Art und Weise mit, die für die Uni untypisch ist. Emotional kann man sich in der Situation nicht mehr verstecken“, weiß Mätzing und schließt deshalb nicht aus, „dass es vielleicht Menschen gibt, die davor zurückschrecken“. Dass das emotionale Moment angesichts eigener Betroffenheit der Referenten nicht immer außen vor bleibt, liegt nahe und ist konzeptionell sowohl einkalkuliert als auch gewollt. „Begegnungen an der Uni finden hauptsächlich auf professioneller Ebene statt. Mir geht es aber in diesem Fall um die Gesamtkomposition“, erklärt Mätzing. Und der professionelle Aspekt kommt schließlich nicht zu kurz: Erstens besteht weiterhin der Anspruch an die Vortragenden, die Balance zwischen Subjektivität und Objektivität zu wahren. Zweitens, und nicht zuletzt, geht es um akademische Nachwuchsförderung. „Es ist auch eine Chance, Potenzial zu fördern. Dies frühzeitig zu erkennen, ist eine Aufgabe der Universität“, unterstreicht Mätzing, wie wichtig es ist, „ohnehin schon engagierten Studierenden“ die Möglichkeit zu bieten, sich in Präsentationen zu üben. „Bei diesen Vorträgen steht nur der Referent im Mittelpunkt und ist alleiniger Fachmann“, weist Mätzing auf einen Unterschied zu Referaten in Seminaren hin, in denen notfalls die Lehrenden bei Wissenslücken aushelfen können. Gerade im Hinblick auf den Bachelor-Studiengang, der in kürzester Zeit und in komprimierter Form auf das Berufsleben vorbereiten soll, sei diese Kompetenzvermittlung von großer Bedeutung. Getreu ihrem Credo, Wissenschaft und individuelle Empfindungen zu vereinen, betont Mätzing, welche Wirkung sie den Vorträgen zutraut und appelliert gleichzeitig an Geschichtsinteressierte: „Es lohnt sich, dieses Konzept fortzuführen, davon bin ich überzeugt. Die Brücke zum Verstehen ist der Mensch. Wenn wir uns dafür nicht interessieren, brauchen wir uns eigentlich für nichts mehr zu interessieren.“
Info:
Zwei bis drei Mal pro Semester soll die Veranstaltung stattfinden. Den nächsten Vortrag wird Björn Schubert am 2. Mai um 19.30 Uhr über die Kaffeekultur in Cardiff/Wales halten. Interessenten für weitere Referate sind eingeladen, sich bei Dr. Heike Mätzing oder Damir Hajric zu melden. Online-Informationen zu Terminen gibt es unter www.heike-maetzing.de und unter www.gibs.info.


Den Konflikt um die Unabhängigkeit des Vielvölkerstaats Bosnien-Herzegowina von Jugoslawien brach 1992 aus. Damir Hajric, damals Schüler in Sarajewo, hat diese Entwicklung aus nächster Nähe erlebt „Es fing mit Sticheleien einiger Serben in der Schule an. Auf dem Weg dorthin gab es Barrikaden“, erinnert sich Hajric an die Anzeichen für die Auseinandersetzungen und an deren Ausprägungen: „Ich habe gesehen, wie Scharfschützen auf Studenten schießen und wie Teile der Stadt brennen.“ Nachdem die Unabhängigkeit im Frühjahr 1992 erklärt worden war, hielten serbische Truppen große Teile Bosnien-Herzegowinas besetzt und belagerten auch Sarajewo – Hajric verließ die Stadt am 17. Mai 1992, um über Umwege 1994 in Deutschland sesshaft zu werden. Als er knapp 14 Jahre später sein Referat für die Vortragsreihe „Geschichte, die uns bewegt’ vorbereitet, nähert er sich „ohne Hass“ dem Thema. „Klar ist, dass Serben Sarajewo bombardiert haben, aber auch bombardiert worden sind. Gerade in Bosnien ist es doch viel zu schwer, Trennlinien zwischen Nationalitäten und Religionen zu ziehen“, erklärt Hajric, dessen Vortrag unter dem Motto ,Bosna i Hercegovina: Bilder meiner Heimat’ stand. Sein Beweggrund: „Ich wollte die positiven Reizpunkte dieser Region vermitteln, nicht nur den Krieg in den 90er Jahren. Meine Intention war es, zu zeigen, dass Bosnien-Herzegowina kein Pulverfass ist, sondern Menschen auch friedlich miteinander gelebt haben, obwohl sie unterschiedliche Religionen hatten.“ Verständlich, dass der Vortrag schon während der Vorbereitung eine Herzensangelegenheit war. „Als ich geschrieben habe, war ich sehr emotional. Das war aber kein Hemmnis, sondern Motivation und Quelle der Kreativität“, berichtet Hajric. Aus geplanten 45 Minuten wurden 90, anschließend entstand eine Diskussionsrunde – Gesprächsbedarf bestand also auf beiden Seiten. Vor allem eine Begebenheit bewies Hajric, dass er das Publikum erreicht hatte: „Es kam die Frage ,Was ist mit Darko?’. Er war ein serbischer Freund, der nach Belgrad gegangen ist. Daran habe ich gemerkt, dass es angekommen ist, was ich erzählt habe.“
Zur Person: Damir Hajric ist 27 Jahre alt und wurde in Sarajewo geboren. Er studiert Geschichte und Anglistik im vierten Semester.

Der Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 und die anschließende Franco-Diktatur haben in Spanien Spuren hinterlassen, die auch heute noch nicht ganz verwischt sind. Die Geschehnisse von damals spalteten Familien und entzweiten Dörfer – unter anderem davon wusste Michael Wrehde zu berichten, der 1983 in Valencia geboren wurde und 19 Jahre in Spanien lebte. „Es ist zwar kein Teil meiner persönlichen Vergangenheit, aber ich bin in der Folgezeit dieser Vergangenheit aufgewachsen“, sagt Wrehde, der zu Beginn des Jahres die Vortragsreihe mit dem Thema ,Zwischen Erinnerung und Amnesie: Vergangenheitsbewältigung in Spanien’ fortsetzte. Für seine Vorbereitung recherchierte der Magister-Student sogar in Spanien, wo er heute noch jährlich ein bis zwei Mal zu Besuch ist. „Mein Konzept war es, nicht einen nur auf Daten basierenden Vortrag abzuliefern, sondern ihn auch durch Beobachtungen und Erzählungen zu veranschaulichen. Dafür habe ich in Spanien verschiedene Gespräche geführt“, erläutert Wrehde seine Herangehensweise. Der zentrale Aspekt seines Vortrages war die öffentliche Vergangenheitsbewältigung in Spanien, die laut Wrehde erst spät in Gang gesetzt worden sei und die beispielsweise die Medien nur langsam vorangetrieben hätten. Von der Idee der Vortragsreihe ist Wrehde absolut überzeugt: „Es ist immer wieder interessant, Kommilitonen zu treffen, die aus anderen Ländern kommen und eine ganz eigene Sicht der Dinge mit sich bringen. Dass ihnen die Möglichkeit geboten wird, die Geschichte ihres Landes vorzustellen, finde ich sehr gut. Deshalb habe ich nicht lange gezögert, meinen Beitrag zu leisten.“ Lediglich der etwas spärliche Publikumszuspruch sei ein bisschen enttäuschend gewesen, hatte jedoch auch sein Gutes: „Wenn man einen solchen Vortrag vorbereitet, erwartet man, dass sich mehr Leute für das Thema interessieren. Andererseits war eine kleine Gruppe ganz förderlich, da so eine hoch interessante Diskussion geführt werden konnte.“ Nicht zuletzt die spanischen Spezialitäten, vor allem der Rotwein, trugen zu einem angeregten Gespräch bei...
Zur Person:
Michael Wrehde ist 22 Jahre alt und wurde in Valencia geboren. Er studiert Geschichte, Philosophie und Politologie im siebten Semester.